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Das Friedrich Wilhelm Stift als evangelische Einrichtung

Die Aufgabe des Friedrich Wilhelm Stiftes

Im Friedrich Wilhelm Stift helfen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende Kindern, Jugendlichen und Familien zu einem eigenständigen, verantwortlichen und erfüllten Leben zu finden. Das Stift wurde vor über 150 Jahren zwar nicht von der Evangelischen Kirche gegründet, die Verantwortlichen betreiben es aber bis heute bewusst als eine evangelische Einrichtung. Nur wurde niemals ausdrücklich festgestellt, was dies für die Arbeit im Friedrich Wilhelm Stift bedeutet. Im Umfeld einer Volkskirche wurde das nicht als Mangel empfunden. Bewußt oder unbewusst war allen Beteiligten selbstverständlich klar, was „evangelisch“ meint. Erst die Herausforderungen von Säkularisierung und Pluralismus machen es notwendig, zur Charakterisierung „evangelisch“ Klärendes festzustellen.

Der Begriff „Evangelisch“

Der Begriff „evangelisch“ diente niemals in erster Linie der Ausgrenzung oder sogar Abwertung anderer Überzeugungen. Martin Luther fasste mit dieser Bezeichnung biblische Glaubensaussagen zusammen, die im Mittelalter verloren gegangen waren, und forderte ihre Beachtung. Der Begriff „evangelisch“ bedeutete für ihn keine polemische Abgrenzung.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg gegen Ende des 17. Jahrhunderts nannte man alle Staaten und staatsähnlichen Körperschaften, die nicht katholisch waren, „Evangelische Konfessionsverwandte“. Der Begriff „evangelisch“ diente damit zuerst der Zusammenführung von Lutheranern und Reformierten und erst in zweiter Linie der Abgrenzung von den Katholiken.

Die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstehenden Unionskirchen bezeichneten sich ausnahmslos als Evangelische Kirchen. Das galt auch für Preußen. König Friedrich Wilhelm III. forderte zum Reformationsjubiläum von 1817 lutherische und reformierte Gemeinden zu einer Union und Bildung einer „evangelischen“ Kirche auf.

Diese besondere Ausprägung der Bedeutung des Wortes „evangelisch“ gilt nur für den deutschen Sprach- und Kulturraum. Wollte man den Begriff etwa ins Englische übersetzen, müsste man „evangelical“ sagen. Die Rückübersetzung „evangelikal“ schlösse eine fundamentalistische Auslegung des Wortes ein. Die für die Arbeit im Friedrich Wilhelm Stift  wesentliche verbindende Bedeutung des Wortes „evangelisch“ ginge damit verloren.

„Evangelisch“ im Neuen Testament

Die Bedeutung des Wortes „evangelisch“ ist zuerst aus der Bibel, insbesondere dem Neuen Testament, zu erklären. In den Berichten über die erste Predigt Jesu wird sein Kommen und seine Botschaft mit dem Begriff „Evangelium“ – „gute Nachricht“ ist die wörtliche Übersetzung des entsprechenden griechischen Wortes – zusammengefasst: „Evangelium“ ist die Ansage der neuen Zeit Gottes im Unterschied zur durch den Sündenfall bestimmten alten Zeit (Mrk. 1, 15; Matth 4, 11; Luk 4, 18.19). Christen glauben, in Christus sei diese neue Heilszeit in der Welt angebrochen und werde in seiner Auferstehung zu Ostern endgültig offenbart. Sie sehen den Beginn der neuen Zeit in den Worten und Taten Jesu bestätigt. Anderen ist dies alles verborgen. Sie verstehen Jesus nur als vorbildlichen Menschen oder gar als Gotteslästerer, der zum Tod am Kreuz verurteilt werden muß.

Christen leben gleichsam in zwei Zeiten, weil sie täglich die alte Sündenzeit erleben und doch zugleich Zeichen der neuen Zeit im Glauben erkennen und auf dieser Grundlage selber Zeichen für ein Leben gemäß der neuen Zeit setzen können. Dieser Glaube wird jedem Christen in der Taufe geschenkt und bewirkt die Möglichkeit einer entsprechenden Lebensgestaltung. In Kirche und Gemeinde kann der Glaube gestärkt werden. So lässt sich die Fähigkeit einüben, Erfahrungen des Alltags nach dem Maßstab des Evangeliums zu bewerten und die daraus folgenden Entscheidungen zu treffen. Der Maßstab des Evangeliums gibt als entscheidender Grundwert den letzten Ausschlag für die Arbeit des Friedrich Wilhelm Stiftes.

Werte und Tugenden

Werte wie Achtung, Vertrauen, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und andere werden in der Charta der Vereinten Nationen genannt und beanspruchen weltweite Gültigkeit. Da diese Begriffe in verschiedenen Kulturzusammenhängen und Religionen nach je eigenen Maßstäben umgesetzt werden, wirken sie sich im Zusammenleben der Menschen unterschiedlich aus. Grundsätze wie Achtung des Nächsten, Gleichheit der Geschlechter oder Gerechtigkeit für Schwache haben in verschiedenen Kulturen eine unterschiedliche Bedeutung. In unserem westlichen Kulturkreis wird insbesondere die Würde des Einzelnen in ein anderes Verhältnis zur Würde von Familie, Stamm oder Klasse gesetzt als anderswo.

Diese Zusammenhänge beeinflussen die Arbeit im Friedrich Wilhelm Stift, wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen in die Arbeit einbezogen werden. Die Zusammenarbeit mit ihnen wird nicht abgelehnt. Es wird auch nicht versucht, die in einer anderen Kultur entwickelten Maßstäbe zu bekämpfen. Das Friedrich Wilhelm Stift wird etwa islamischen Jugendlichen und ihren Familien in Offenheit begegnen und sich bemühen, ihnen eine ihnen angemessene Entwicklung zu ermöglichen. Dabei kann es sogar notwendig werden, für diese besondere Arbeit Erziehungskräfte einzustellen, die selber nicht den evangelischen Wertmaßstab anwenden. Diesen Mitarbeitenden muss bewusst sein, dass sie in einer evangelischen Einrichtung arbeiten. Das Friedrich Wilhelm Stift lässt seine evangelische Ausrichtung durch derartige Einzelmaßnahmen nicht grundsätzlich in Frage stellen.

Gültigkeit hat für uns die Auslegung der Grundwerte, die sich in der Tradition von Christentum und Aufklärung entwickelt hat, in das deutsche Grundgesetz aufgenommen wurde und alle gesetzlichen Verordnungen, an denen wir unsere Arbeit ausrichten, bestimmt. Auch die sogenannten Sekundärtugenden wie Fleiß, Ordnung und Pünktlichkeit, die für unser Zusammenleben wichtig sind, werden durch diese Auslegung der Werte bestimmt.

Evangelische Erziehung im Friedrich Wilhelm Stift

Ziel der Zusammenarbeit von Mitarbeitenden und Klienten im Friedrich Wilhelm Stift ist es, die Betroffenen zu einem eigenständigen, verantwortlichen und erfolgreichen Leben zu befähigen. Das Stift fördert die Entwicklung durch die Organisation der Rahmenbedingungen für seine Einrichtungen und Dienste. Die Mitarbeitenden bringen neben ihrer Person eine staatlich anerkannte Ausbildung ein.

Ob das langfristige Ziel der Arbeit erreicht wird, ist nicht immer leicht nachzuweisen. Fehlschläge und Scheitern lassen sich einfacher dokumentieren als nachhaltige Erfolge. Umso wichtiger ist es, erfreuliche Ergebnisse zu benennen, anzuerkennen und gebührend zu würdigen. So kann man nach innen und außen deutlich machen, welchen Sinn die Arbeit macht. Dabei bewahrt evangelischer Glaube vor Hochmut und falschem Stolz, weil alle Erfolge dankbar als Gabe und Wirkung des in der Taufe geschenkten Geistes angesehen werden. Der Glaube hilft aber auch zum angemessenen Umgang mit Fehlschlägen und Scheitern. Evangelische Arbeit geschieht in der Gewissheit, dass kein Scheitern ein heiles Leben grundsätzlich unmöglich macht. Der Tod Jesu am Kreuz hat neues Leben nicht unmöglich gemacht, sondern vielmehr begründet. Auch die Kraft zur Überwindung eines Fehlschlages braucht ein evangelischer Mitarbeitender nicht ausschließlich aus sich heraus aufbringen. Er gewinnt sie aus seinem ihm in seiner Taufe geschenkten Glauben, der in der Gewißheit der Verbundenheit in einer Dienstgemeinschaft mit allen Beteiligten getragen, gestützt und gefördert werden kann und soll.

Den Mitarbeitenden und Klienten ist die Kraft zum rechten Umgang mit Erfolgen und Niederlagen zu unterschiedlichen Zeiten und Gelegenheiten in unterschiedlicher Stärke gegenwärtig. Zweifel und Anfechtung aber auch Versuchung und Überheblichkeit sind ständige Begleiter jeder Erziehungsarbeit. Das Friedrich Wilhelm Stift ist überzeugt, einen angemessenen Weg zur Erfüllung seines Erziehungsauftrages finden zu können. Es versteht sich als evangelische Dienstgemeinschaft, die nach besten Kräften alle Mitarbeitenden in dieser Gewißheit fördert und trägt.

Evangelisch Werten als Hilfe zur Erziehung

Die nach unserem Grundgesetz und den entsprechenden Verordnungen gültigen Werte beschreiben einen Rahmen für unsere Arbeit, bieten aber keine direkte Anleitung für den konkreten Erziehungsvorgang. Unter unterschiedlichen Voraussetzungen können unterschiedliche Maßnahmen angemessene Schritte etwa zur Förderung der Tugend der Freiheit sein. Es kann nötig sein, jemandem energisch und mit ganzem Einsatz einen größeren Freiraum zu verschaffen. Ein anderes Mal muss übertriebener Freiheitsdrang konsequent eingeschränkt werden. Beides kann eine angemessene Maßnahme sein, das Ziel eines verantwortlichen Umgangs mit dem Wert der Freiheit zu erreichen. Ganz wichtig wird hier die Fähigkeit, unterschiedliche Situationen zu beurteilen und entsprechend zu bewerten. Dabei sind juristische, pädagogische und andere Vorgaben zu beachten.

Letztlich geht es immer um eine persönliche Entscheidung der zuständigen Erziehungsperson. Das kann den Einzelnen belasten und sogar überfordern, wenn er unsicher  ist, ob er eine Situation angemessen beurteilt. Hier möchte das Friedrich Wilhelm Stift helfen. Die evangelische Glaubenskraft zu werten und zu entscheiden gilt als Geschenk des Geistes nicht nur an Personen, sondern auch an die Gemeinschaft aller Mitarbeitenden und die Institution. Sie bietet dem Einzelnen an, ihn zu beraten, zu tragen und zu fördern. Die Hilfe vollzieht sich nicht nach dem Prinzip der Entscheidung zwischen gleich wahrscheinlichen Möglichkeiten. Sie speist sich aus der Verheißung des von Gott in Jesus Christus begründeten Heils, das sich in der Kraft des Geistes durchsetzt. Dies evangelische Grundwissen soll die Wertungs- und Entscheidungskraft des einzelnen Erziehenden in seinem Alltag stärken.

Mitarbeitende im evangelischen Friedrich Wilhelm Stift

Die Umsetzung gegebener Werte im erzieherischen Alltag lässt sich nur begrenzt durch Gesetze und Verordnungen regeln. Entscheidend ist letztlich die Glaubensausrichtung der Institution und wie sie durch die in ihr Mitarbeitenden vertreten wird. Das Friedrich Wilhelm Stift versteht sich als evangelische Einrichtung. Es will evangelischen Glauben aber nicht erzwingen.  Es bekennt ihn als Geschenk. Der Glaube wirkt nicht wie eine alle gleichmachende Uniform. Er fördert auf gemeinsamer Grundlage die freie Entfaltung unterschiedlicher Persönlichkeiten. Der Glaube garantiert keine bestimmte Qualität der Arbeit. Aber er schafft ein Klima, das eine spezifische Umsetzung menschlicher Werte in den Alltag fördert.

Evangelische Glaubensstärke kann man weder messen noch fordern. Aber es gibt äußere Zeichen und Handlungen, die erwarten lassen, jemand sei bereit, sich vom evangelischen Glauben als Grundlage seiner Lebensentscheidungen bestimmen zu lassen. Darum stellt das Friedrich Wilhelm Stift evangelisch getaufte Mitarbeitende ein. Getaufte Mitglieder anderer christlicher Konfessionen werden ebenfalls eingestellt, weil die allen Christen gemeinsame Taufgabe Unterschiede der Konfessionen zurücktreten lässt. Das kritische Gespräch zwischen Mitgliedern verschiedener Konfessionen kann sehr fruchtbar sein. Ungetaufte Personen können im Friedrich Wilhelm Stift bis auf besonders zu begründende Ausnahmen nicht eingestellt werden.

Fähigkeit und Wachheit, anstehende Entscheidungen als evangelisch zu verantwortende Entscheidungen zu treffen, lassen sich nicht wie handwerkliche Fertigkeiten einmal lernen, um sie dann ein Leben lang zu beherrschen. Es bedarf der ständigen Erinnerung und Übung. Das kann emotional und oft unbewusst durch die Pflege angemessenen christlichen Brauchtums geschehen. Das kann rational in Gesprächen im Mitarbeiterkreis, mit anderen Gemeindegliedern oder auch mit Pfarrerinnen und Pfarrern geschehen. Jede evangelische Gemeinde kann und soll die Arbeit des Friedrich Wilhelm Stiftes direkt oder indirekt fördern, ob es nun in ihrem Bereich tätig ist oder ob Mitarbeitende in ihrem Bereich wohnen. Allein schon durch den sonntäglichen Gottesdienst hält jede Gemeinde ist ein ständiges Angebot bereit, das den Glauben von Mitarbeitenden und Klienten pflegen und fördern kann.